Палітычныя рэпрэсіі на Беларусі ў XX стагоддзі
Матэрыялы канферэнцыі
Памер: 278с.
Мінск 1998
Es ist jedoch ein TrugschluB fruiterer Studien zur friihsowjetischen Nationalitatenpolitik in WeiBruBland oder anderen Teilrepubliken, mit den Stichworten „nationale Verwurzelung” (korenizacija) und „WeiBrussifizierung” (belarusizacyja) eine langfristig angelegte Strategic der Sowjetfuhrung zu verbinden. Ebenso wie die spatere Stalinsche „Revolution von oben” keinem ausgearbeiteten Generalplan folgte, muB auch die korenizacija eher als Zwischenlosung innerhalb eines Herrschaftsinterregnums und Ideenvakuums angesehen werden.1 Das Uberwiegen nationalhistorischer Interpretationsmuster in der weiBrussischen Geschichtsund Literaturwissenschaft war weniger die Folge einer durchgehenden nationalen Kulturpolitik, als vielmehr des Fortwirkens der alten Gelehrtengeneration. Als sich das Stalinsche System in der zweiten Halfte der zwanziger Jahre ideologisch und personell gefestigt hatte, konnte es die institutionellen Leitungspositionen umbesetzen.2 In 203
Prozessen gegen Vertreter der akademischeriund kiinstlerischen Intelligenz wurde zu Beginn der dreiBiger Jahre derkiinftige Umgang mit den Gebildeten bestimmt.
Dem Historischen Institut der Akademie widmete das ZK besondere Aufmerksamkeit, zumal die politische Disziplinierung wie auch derFreitod Usevalad Ihnatofskis, bislang nicht die gewiinschte erzieherische Wirkung herbeifuhren konnten. Im November 1932 legte der wissenschaftliche Sekretar des Institute, V. Karnienka, auf Anfrage der Kulturabteilung des Minsker ZK einen internen Bericht uber die politischen und wissenschaftlichen Gegebenheiten am Institut vor? Die Anfrage des ZK war zwar auf inhaltliche Schwerpunkte der wissenschaftlichen Tatigkeit am Institut gerichtet, was den Autor nicht daran hinderte, die „Entwicklung des Institute selbst, als einer wissenschaftlichen Forschungseinrichtung in Verbindung mit dem Kampf gegen den weiBrussischen Nationaldemokratismus, das russische GroBmachtdenken, gegen trotzkistisch-bundistische Elemente und samtliche Abweichungen” zum eigentlichen Thema des Referats zu machen. Mit Beginn der konterrevolutionaren Tatigkeit der 1925 am Inbelkul’t gebildeten „Historischarchaologischen Kommission” um Ihnatofski, Dovnar-Zapol’ski, Piceta und andere sei durch die ausschnitthafte Beschaftigung mit der alteren Geschichte WeiBruBlands vom 16. bis zum 19. Jahrhundert immer wieder versucht worden, den Nationaldemokratismus zu propagieren.
Hinzu kam nach Ansicht Karnienkas, daB das Institut angesichts der „Diirftigkeit seiner wissenschaftlichen Kader” von einer „soliden, politisch bedeutsamen, wissenschaftlichen Forschungseinrichtung” weit entfernt sei. Dieser Mangel wiege um so schwerer, als die AuBerungen Stalins von 1931 nach einer „seridsen wissenschaftlichen Bearbeitung der Probleme der weiBrussischen Geschichte [...] aufmarxistischerGrundlage” verlangten. Beklagt wurde dariiber hinaus, daB die Arbeit am „AbriB zur Geschichte WeiBruBlands” (Ocerki po istorii Belorussii) noch immer nicht abgeschlossen werden konnte. Offenkundig lag die Fertigstellung einer marxistischen Interpretation der weiBrussischen Geschichte auch dem ZK besonders am Herzen. Bei der Begriindung des Verzuges schlug der Berichterstatter sogar einige kritische Tone an: So machte er neben dem schlechten Ausbildungsstand der Aspiranten die „systematische Mobilisierung der wissenschaftlichen Mitarbeiter” fiir verschiedene Aufgabenbereiche wie das Stadtparteikomitee, das ZK oder auch das Akademieprasidium verantwortlich. Hinzu komme die schlechte organisatorische Leitung des Projekts durch die Institutsleitung.
Ais eine wesentliche Ursache fur die „gefahrliche Lage an der historischen Front” zu Beginn der dreiBiger Jahre sah Kamienka in der Fiihrungstatigkeit des Akademieprasidiums, das die „politische Bedeutung des Historischen Instituts” unterschatzt habe. Verantwortlich zu machen sei jedoch auch die funktionsuntiichtige Parteiorganisation. Ebenso wie auf Akademieebene fehlten auch der Geschichtswissenschaft nach wie vor die Genossen: lediglich sechs von zweiundzwanzig Mitarbeitern, also 27,3 Prozent, gehorten 1932 der Partei an. Aus der Unzufriedenheit mit dem Kaderbestand und der Tatsache, daB „die meisten entscheidenden Probleme der Geschichte WeiBruBlands von parteilosen Wissenschaftlern bearbeitet” wiirden, geht hervor, daB das Institut die ihm von der Partei zugedachten Aufgaben nicht erfiillte. Auch die Klage, daB Publikationen der Historiker auf Grund langer Veroffentlichungsfristen ihre „politische Scharfe” einbiiBten, gab AnlaB fiir wortreiche BeschluBfassungen. Mit den Forderungen, die genannten MiBstande zu beseitigen, verband sich der Wunsch, kiinftig alle Historiker-Kommunisten in die Arbeit an den OTerki po istorii Belorussii einzubeziehen, sie von alien Lehrverpflichtungen zu entbinden und ihre weitere Mobilisierung fiir andere Funktionen zu verbieten.
Der dem Papier eigene denunziatorische Stil charakterisierte das politische Klima an den geisteswissenschaftlichen Instituten zu Beginn der dreifiiger Jahre. Die Koexistenz von „biirgerlichen” Spezialisten und „neuen Kadem” loste sich von innen her auf. Vbrauseilender Gehorsam hatte die neuen Eliten erfaBt, langst bevor der Terror als tagespolitisches Instrument Anwendung fand. Dokumente wie der Bericht Karnienkas lassen den Stalinismus als ein subtiles Gesinnungssystem erscheinen, dem sich die Mehrheit der Intelligenz kaum zu entziehen vermochte. Im vorliegenden Fall trat dies als personelle Kampagne zutage, die zunachst mit Verdachtigungen und Hinweisen auf geheimnisvolle Untergrundbewegungen eingeleitet wurde und genauere Nachfragen des ZK nachgerade herausforderte. Die bemerkenswerte Grammatik des Zitats ist ganz bewuBt unverandert geblieben:
„Wenn die wichtigsten Merkmale der gegenwartigen Institutsarbeit angefuhrt werden, kommt man nicht umhin, darauf hinzuweisen, daB im Moment, wie nie zuvor, im Zusammenhang mit der Entfaltung der Arbeit des Instituts, irgend jemand zum Nutzen der noch verbliebenen Klassenfeinde, die bekanntermaBen an der historischen Front iiberlebt haben, nichts unversucht laBt, die geringsten Fehler und vereinzelten Planriickstande im Institut dazu zu benutzen, den Kampf, den das Institut
fur Geschichte um die Reinheit der marxistischen Methodologie gefuhrt hat, anzuprangem und ihm einen Hieb zu versetzen. Diese parteifeindlichen Stimmen miissen mit der Wurzel ausgerottet werden.”4
Dem zu erwartenden Prazisierungswunsch des KUL’TPROP folgend, richtete Karnienka ein kurzes Informationspapier an das ZK. Darin steckte er die „historische Front” deutlich ab. Zu den „wertvollsten und am meisten befahigten Genossen” gehorten nach Meinung des Autors Kommunisten wie Horin, Scarbakov und andere. Aus den Reihen der Parteilosen wurden auBerdem die Historiker Nikol’skij und DruZcyc fur gefolgstreu befunden. Andere Mitarbeiter, die „sich noch nicht vollig von ihren friiheren trotzkistischen und bundistischen Uberzeugungen befreit” hatten, wie die jiidischen Kollegen Rivlin, Zastenker und Potas, wurden zunachst nur mit Einschrankung akzeptiert. Ais regelrechte Feinde bezeichnete der Autor unter anderen den parteilosen Historiker Gessen, dessen Wohnung als „Stabsquartier trotzkistisch-bundistischer Elemente” gedient habe; hier seien Ende November 1932 in Anwesenheit verschiedener Historiker des Instituts den Brief Stalins an die Proletarskaja Revoljucija, einige historische Fragen und die Ergebnisse der 14. Parteikonferenz debattiert worden. Dies waren Aussagen, die zwar nichts belegten, vor dem ZK jedoch verdachtig wirken muBten. Nach zahlreichen weiteren Anschuldigungen gegen die genannten Mitarbeiter kam Karnienka zu dem SchluB, daB eine Gruppe um Rivlin, Serbenta, Potas, Vol’fson und Gessen „eine Hetzjagd gegen die Kommunisten und die besseren parteilosen Historiker” gefuhrt hatten.5 Wenige Monate spater, im Marz 1933, wurden Konsequenzen gezogen. Das ZK verfugte die Entlassung mehrerer Mitarbeiter an „der theoretischen Front”, eine Anordnung, deren Vollzug dem neuen Ersten Sekretar des CK KP(b)B,N.F. Hikalo (in diesem Amt 1932-1937), am 23. Marz 1933 bestatigt werden konnte. Begriindet wurden die MaBnahmen im allgemeinen mit „konterrevolutionarer Tatigkeit, Verbreitung des Trotzkismus oder Unterstiitzung der Nationaldemokraten.6
Nach den „erfolgreichen” Sauberungen an der Akademie und dem NARKAMAS’VETA steuerte das ZK mit groBer Entschlossenheit neue Ziele an. Es erschien ihm notwendig, „ernsthafte Sauberungen von klassenfeindlichen Elementen” in alien weiteren kulturellen Einrichtungen durchzufiihren, worunter das ZK insbesondere die Schulen und Lehrerbildungsinstitute verstand. Von ihnen wird noch zu sprechen sein. AuBerdem folgte eine drastische Verscharfung der Zensur, wobei die noch 1933 durchgesetzte Einfiihrung einer sogenannten „militarischen Zensur” (voennaja cenzura) fur die Presseerzeugnisse der BSSR nur einer von vielen 206
Schritten in diese Richtung war.7
AufschluBreich in diesem Zusammenhang ist es, daB parteinahe Wissenschaftsfunktionare, die sich selbst fur denunziatorische Dienste nicht zu schade waren, keine Privilegien zu erwarten hatten. Eigeninitiativen der Wissenschaftler zur Unterstiitzung der Parteipolitik und bei „Entlarvung” der Gegner verraten langfristig keine auf die Erlangung von Privilegien gerichtete Strategie, sondem eine zunehmend verinnerlichte Einstellung verrat. Uberzeugungen wie sie Karnienka und andere erkennen lieBen, beforderten den Stalinismus „von unten”.
Die personellen Konsequenzen des Jahres 1933 brachten indessen nicht sofort den gewiinschten Erfolg. Kaum ein Jahr spater, am 22. Mai 1934, offenbarte die Leitung der Akademie in einem intemen Bericht an das CK KP(b)B, daB trotz „der Sauberung der Akademie der Wissenschaften von nationaldemokratischen Elementen, die die theoretischen Zentren der AN zu unterwandem” versuchten, eine „schlechte Durchsetzung der Prinzipien des Sozialismus und der marxistischen Lehre sowie [...] ein niedriges theoretisches Niveau” zu registrieren seien.8 Obgleich seit dem ersten Richtungswechsel in der Wissenschaftspolitik 1930 die Mitarbeiterschaft der Akademie bis 1934 von 114 auf 331 und das Publikationsvolumen von 1930 bis 1933 von 139 auf603 Druckbogen angewachsen war, gestand der Berichterstatter Horin eine unverkennbare politische Schwache der geisteswissenschaftlichen Akademieinstitute ein. Abhilfe sollten deren „verstarkte Kontrolle” sowie monatliche Berichte schaffen, aus denen die Schwerpunkte der Arbeit der Akademie hervorgehen wiirden.