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    Палітычныя рэпрэсіі на Беларусі ў XX стагоддзі

    Матэрыялы канферэнцыі

    Памер: 278с.
    Мінск 1998
    75.92 МБ
    Biographien wie die Scarbakovs waren keineswegs Einzelfalle. Ais sich das Terrorsystem immer starker gegen die linientreuen Funktionare zu richten begann, konnte sich niemand mehr sicher sein. Dutzende anderer Historiker, Literaturwissenschafiler, ehrenund hauptamtliche Parteiarbeiteriiberlebten das Jahr 1938 nicht oderbegannen eine mehijahrige Haftzeit.15 D.Z. Zilunovic, der 1887 in einer weiflrussischen Bauemfamilie geboren als Ciska Hartny in vorsowjetischer Zeit nationalpatriotische Gedichte verfaBt hatte und als Kulturfunktionar in der BSSR Karriere zu machen begann, gehorte dazu. Als Regierungsmitglied, Zeitschrifienredakteur, Akademiker und Mitarbeiter am IIBelAN durchlief Zilunovic eine ahnliche Karriere wie Ihnatovski, an deren Ende 1937 Verhaftung, Selbstanklagen und ein der Erschieflung zuvorkommender Krankheitstod standen.16 Die gemeinsam mit Piceta nach Minsk beorderten Historiker der ersten sowjetischen Historikergeneration, V.N. Percev (1877-1960), N.M. Nikol’ski (1877-1959), V.D. Druzcyc (18861937), V.A. Serbenta (1895-1980) oder S.Ch. Agurski (1884-1947) entgingen trotz zum Teil riicksichtsloser Anpassungsmandver (Serbenta, Agurski) den Repressionen nicht, wenngleich sie mit dem Leben davonkamen. Parteitreue politische Akteure blieben ebensowenig verschont. Zarvjakov wurde ebenso verhaftet und erschossen wie Knorin. Selbstanklagen und Reuerhetorik bestimmten auch ihre Verhore. Was von Knorin 1927 noch in seiner Funktion als Parteichef offentlich geauBert werden konnte, drehte ihm selbst wie auch Zarvjakov 1937 den Strick. Sympathisierte damals Knorin noch ganz gezielt mit dem Begriff und der Bewegung der ‘Wiedergeburt’, kostete er ihnen nun das Leben:
    „Wir verwendeten den Begriff ‘Wiedergeburt WeiBruBlands’ oder ‘Wiedergeburt der weiBrussischen Kultur’, obwohl der Begriff seinem Wesen nach als grundfalsch und politisch gefahrlich zu bewerten ist; wir gebaren nicht irgendein WeiBruBland, sondern wir bauen ein sowjetisches WeiBruBland, wir streben danach, eine Gesellschaft zu errichten, die auf sozialistischen Grundlagen steht.”17
    Knorin dagegen, der zum Urgestein der weiBrussischen KP(b) gehorte, sich im Blick auf die Bildungspolitik zu Beginn urn die personelle Verstarkung der weiBrussischen Wissenschaft verdient gemacht hatte, die Eroffnung des Verlagshauses „Wiedergeburt” veranlaBte und nach seiner Tatigkeit als erster Sekretar 1928 eine Moskauer und spater KOMINTERN-Karriere machte, auch Knorin holte die Zeit ein. Als Stalin Anfang der dreiBiger Jahre die KOMINTERN und die Vertreter der VKP(b) D.Z. Manuilskij, O.A. Pjatnickij und eben Wilhelm Knorin seiner personlichen Kontrolle unterstellte, zeichnete sich ein Karrierebruch bereits vorsichtig ab. Die nebenbei am IKP absolvierte historische Ausbildung, die Knorin gar den Doktorund Professorentitel eintrug konnte daran ebensowenig etwas andem, wie die unter seiner Redaktion 1934 erschienene populare „Kurze Geschichte der VKP(b)”, der ein Jahr spater sogar ein zweiter Band folgte. 1938 wurde Knorin unter falschen Anschuldigungen verhaftet und am 29. Juli erschossen.18
    Sieht man aufs Ganze, erscheinen die parallelen Biographien der Historiker und historisierenden Funktionare als Abbild der Lebenslaufe weiBrussischer Intellektueller insgesamt. Die zu Beginn der Sowjetzeit vollig unterschiedlichen Altersund Herkunftsstrukturen der professionellen Intelligenz wirken in den Geschichtsbildern und politischen Anpassungsbemiihungen zweifelsohne nach. Die Karrierebriiche indessen verlaufen weitgehend identisch. Der aufkommende Stalinismus in der Wissenschaft war iiberaus erfolgreich in der Nivellierung der Vielfalt der biographischen Voraussetzungen.” Auch auf der individuellbiographischen Ebene muB sich zwangslaufig widerspiegeln, was fur die Institutionen und die dort entwickelten Geschichtsbilder oben festgehalten werden konnte. Die Sowjetsystem funktionierte erst nach dem vollstandigen Generationswechsel
    Die Bezeichnung „WeiBrussische Akademie der Wissenschaften” (BelAN) iiberdauerte den Stalinismus nicht. Im Sinne der Vereinheitlichung der Republikstrukturen und deren standardisierter nicht-nationaler Benennung erschien 1936 eine „Reorganisation” und Neubezeichnung der Bildungsstatte unvermeidbar. Die seit dem 9. Juni 1936 giiltige offizielle
    Bezeichnung „Akademie der Wissenschaften der BSSR” (AN BSSR) sollte bis 1991 bestehen bleiben, bevor man zum alten Namen zuriickkehrte und 1997 entgegen der politischen Rhetorik der Lukaschenka-Ara die Bezeichnung „Nationale Akademie der Wissenschaften der Republik Belarus” einfuhrte. Die Fortsetzung der Parallelitat von nationalen und integralen (neosowjetischer) Geschichtsinterpretationen nach 1994, die Personalund Publikationspolitik der weiBrussischen Fiihrung im Bereich der Gesellschaftswissenschaften, dazu die vneuveranderte Feiertagssemantik und Symbolik im WeiBruBland Lukaschenkas weisen darauf hin, daB Wissenschaft und Politik in diesem Land noch immer ein enges Beziehungsgeflecht bilden und die identitatsstiftenden Wissenschaftsdisziplinen nicht frei von Erfullungsdruck sind.
    1	Zur neueren Diskussion zuerst: Moshe Levin: The Making of the Soviet System. Essays in the Social History of Interwar Russia, London 1985; Lewis H. Siegelbaum: Soviet State and Society between Revolutions, 1918-1929, Cambridge 1991. Auch hier ist von einem „energischcn Verfolgen” der korenizaeija als Beitrag zum „Erbliihen der nationalkulturellen Ident itat’ ’ die Rede, S. 222; Bernd Bonwetsch: Der Stalinismus in der Sowjetunion der dreiBiger Jahre. Zur Deformation einer Gesellschaft, in: Jahrbuch fur historische Kommunismusforschung (1993), S. 11-36. In der weiBrussischen Historiographie nahert man sich bis heute kaum theoretischen Fragestellungen zum Stalinismus. Vgl. Michas’ Kascjuk: Stalinscyna i Belarus’, in: Belaruski Histarycny 2asopis’ (1995) 1,S. 9-14; 2, S. 98-106.
    2	George M. Enteen: Marxist Historians during the Cultural Revolution, in: Sheila Fitzpatrick (Hg.): Cultural Revolution in Russia, 1928-1931, Bloomington, Ind. 1978, S. 154-168, hier S. 158. Zu sozialen Aspekten auBerdem der Abschnitt: Professors and Soviet Power in: dies.: Education and Social Mobility in the Soviet Union, 1921-1934, Cambridge, МЛ. 1979, S. 6486.
    3	Nacyjanalny archiv Respubliki Belarus (NARB): Fond 4, vopis 21, sprava 362, ark. 76-82: Dokladnaja zapiska Institute istorii BAN, sostavlennaja soglasno zaprosa Kul’tpropa CK KP(b)B sekretarju tov. Gikalo kopija Kul’tpropu CK KP(b)B i frakeii prezidiuma BAN (16.11.1932), (Kamicnko). Vgl. auBerdem V. Kamienka: Klasavaja barac’ba na histaryenym fronce Bclarusi, Mcnsk 1932.
    Ausfuhrlicher noch als in diesem Bericht auBerte sich Kamienka in einer weiteren ZK-Vbrlage, die kurze Zeit spater entstanden sein muB. Hier wurden M.V.
    Dovnar-Zapol’ski, U.M. Ihnatolski und V.I. Piceta vor dem Hintergrund ihrer Arbeiten u.a. als „Begriinder der national-demokratischen weiBrussischen Historiographie” verantwortlich gemacht, wahrend M.K. Ljubavskij im Blick auf das Verhaltnis zwischen Moskau und dem GroBfiirstentum bzw. RuBland und
    WeiBruBland als „Urvater des GroBmachtschcmas der Geschichte WeiBruBlands” bezeichnet wurde: NARB: Fond 4, vopis 21, sprava 362, ark. 57-75: Itogi i perspektivy istoriceskogo fronta Belorussii (V. Kornienko), (ohne Datum).
    4	Ebd., ark. 81.
    5	Ebd., V СК KPbB, (11.12.1932) [Unterschrift: Komeenko], ark. 83-85.
    6	NARB: Fond 4, vopis 21, sprava 490, ark. 1-11: Dokladnaja zapiska (23.3.1933).
    7	NARB: Fond 4, vopis 21, sprava 549, ark. 5: О cenzure.
    8	NARB: Fond 4, vopis 21, sprava 549 (Sekretnyj otdel), ark. 35-40, 44.
    9	Vgl. die Mitteilung des KUL’TPROP CK KP(b)B an den Vorsitzenden des KUL’TPROP CK VKP(b), Genossen Steckoj: NARB: Fond 4, vopis 21, sprava 549, ark. 127-129: Informacionnaja svodka о kontrrevoljucionnych vystuplenijach v nekotorych naucnych i ucebnych ucrezdenii BSSR, (Minsk, 10.11.1934), hier ark. 127.
    10	V.K. Scarbakov: Klasavaja barac'ba i histarycnaja navuka na Belarusi, Mensk 1934, S. 67.
    11	NARB: Fond 4, vopis 21, sprava 1400, ark. 12-32: Dokladnaja zapiska о faktach zasorennosti litnogo sostava i vrcditel’stva v BelAN (25.6.1938). Der Fond 21 ist einen Sonderfond, der groBtenteils aus NKVD-Material besteht und scit 1993 fur einhcimische Wisscnschaftlcr zuganglich ist. Der Autor hatte als erstcr westlicher Benutzer die Gelegenheit, den Bestand zu benutzen.
    12	NARB: Fond 4, vopis 21, sprava 1400, ark. 13-16.
    13	Zu ihnen gehorten, neben den oben erwahnten, weitere „Verdachtige”: die Mitglieder der Akademie J.N. Afanas'ev, C.L. Burstin, 1.1. Zamotin, S.J. Matuslajtis, B.A. Taraskevic, V.A. Scrbenta, S.Ch. Agurski, J.A. Bronstejn, S.P. Mel’nik, B.M. Spencer.
    14	NARB: Fond 4, vopis 21, sprava 1400, ark. 23f.
    15	Zu den Sauberungen an der AN BSSR 1937/38 unter dem Codewort „Vereinigter antisowjetischer Untergrund” vgl. jiingst Rascilav Platonov: „Spieny” z Akadcmii navuk, in: Belaruskaja Minyscyna (1996) 4, S. 69-73 sowie IHANB (Hrsg.), Vozvrascennye imena, Minsk 1994. Danach wurden in den dreiBiger und vierziger Jahren 143 Mitarbeiter der Akademie repressiert. Allein Ende der dreiBiger Jahre wurden 42 Mitarbeiter in Minsk erschossen.
    16	Zu seiner politischen Beurteilung durch die Partei vgl. NARB: Fond 4, vopis 3, sprava 150, ark. 108-114 (Original des Briefes ark. 101-107): An das CK KP(b)B, den Sekretar des ZK, Gen. Sarangovic, sowie ebd., vopis 3, sprava 34, ark. 251-255: „Meine Vergehen (pamylki) und ihre Wurzeln” [Aussage bzw. Niederschrift Zilunovics vom 13.12.1929]. Im Gegensatz zu Ihnatovski hat sich Zilunovic allerdings nicht von Denunziationen verschiedener Mitglieder der „national-faschistischen Bewegung” (belaruskaja fasystovscyna) urn Stankevic, Rahulja, Jaremic sowie den „Sozial-Faschisten” und „Ideologen der weiBrussischen Bourgeoisie und des Kulakentums”, Anton Luckevic, abbringen lassen. Biographisches Material auBerdem: NARB: Fond 15, vopis 28, sprava 10
    (1930-31).
    17	NARB: Fond 60, vopis 3, sprava 777 (Verhorprotokolle der Nacdemy), ark. 112ff.: Verhor Zarvjakovs.